KW 13: Der Unfall
Objektiv betrachtet war vergangene Woche mein einschneidenstes Erlebnis, dass mir eine kleine Mücke (richtigerweise müsste es wohl heißen: Fruchtfliege) ins rechte Auge geflogen ist. Da werden jetzt gleich einige sagen: „Ja aber Gerfried (Name von der Redaktion geändert [Redaktion bin ich]), du erlebst doch dauernd die aufregendsten Sachen! Wie kann das sein, dass sich diese Woche nichts Bedeutenderes zugetragen hat?!“
Das ist richtig, mein Leben ist ein Schmelzwasserwildbach heftigster Ereignisse. Aber man bedenke, dass jenes mit dieser Fruchtfliege schließlich einen Todesfall zur Folge hatte. Welche Konsequenzen dieser einseitig fatale Zwischenfall nach sich gezogen hat, kann nicht genauer gesagt werden. Gut möglich, dass es eine Fruchtfliegenmutter mit zwölf Fruchtfliegenkinder war, die jetzt Halbwaisen sind.
Die ersten Momente nach dem tragischen Unfall war ich naturgemäß damit beschäftigt, den Fruchtfliegenkadaver aus meinem Auge zu schaffen. Dass eine Lebendbergung nicht möglich sein würde, war augenblicklich klar. Meine anschließende Bestürzung über das Unglück wich aber bald einem wachsenden Gefühl des Ärgers. Was sind diese Fruchtfliegen eigentlich für beschämende Geschöpfe? Das muss man sich einmal vor Augen führen: Ein Tier, so schwach, dass es in einem menschlichen Auge ertrinken kann! Fruchtfliegen leben mit dieser Bedrohung, wie wir Menschen mit jener, von einem Auto überfahren zu werden oder im Flugzeug abzustürzen. Liegt ein faulender Pfirsich in der Küche, dann sind sie die großen Helden. Wehe aber, es nähert sich ein Menschenauge. Ich bin also zu dem Schluss gekommen, dass die Fruchtfliege doch mit einer nicht zu unterschätzenden Wahrscheinlichkeit früher oder später auf eine andere tödliche Iris getroffen wäre. Es war dies folglich ein Ereignis im Rahmen des Laufes der Natur und demgemäß letztlich wohl doch weniger einschneidend, als zuerst angenommen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
© asinus
