KW 6: Idiosynkrasien

img_49881Da sitze ich im 22:30  Zug von ♦ nach ♣. Ich schaue mich um, das Abteil ist fast leer, es ist ruhig. Ich bin irgendwie verwundert. Im Zug sind doch immer Leute, über die man sich ziemlich ärgern muss. Ich prüfe die Fahrgäste.

Mir schräg gegenüber: Männlich, Ende 40, Hemd, Krawatte, MTB Schuhe. Er liest; gibt nicht den geringsten Laut von sich. Ich starre seine lächerlichen Schuhe an, doch wirklich ärgern kann ich mich darüber nicht. Weiter vorne: Ebenfalls männlich, Teenager, Kleidungsstil: HipHop. Hat Kopfhörer im Ohr. Ich versuche, Geräusche aus dem Kopfhörer zu vernehmen. Nichts. Ich beuge mich leicht nach vor und neige den Kopfe zur Seite, sodass mein Ohr näher bei ihm ist. Gar nichts. Nicht einmal seine Füße hat er auf den Sitzpolstern. Ist das möglich? Ich drehe mich um. Hinter mir sitzt eine Frau. Anfang 30, geschminkt, unauffällig gekleidet, liest Gala. Immerhin. Ich erwäge, mich umzusetzen, sodass ich die Frau im Blickfeld habe. Ich lasse es dann aber sein, das wäre ja lächerlich.

Na gut, äh, dann… Dann kann ich ja ungestört lesen. Ich schlage also mein Buch auf und lese einige Zeilen. Nicht die geringste Störung. Nichts. Ich zwinge mich, weiter zu lesen. Nach einigen Zeilen stelle ich fest, dass ich völlig unkonzentriert bin. Das kann doch nicht sein, oder? Ich ziehe in Erwägung, in das nächste Abteil zu gehen. Nein, natürlich werde ich auch das nicht machen. Wenn ich hier schon meine Ruhe zum lesen habe! Es steigen kaum Leute zu. Ich schaue also aus dem Fenster. Gibt nichts zu sehen draußen. Der Zug schiebt sich durch die Haltestellen. Mittlerweile bin ich schon fast an meinem Zielbahnhof, wir fahren in die vorletzte Haltestelle ein.

Und hier steigen Leute zu. Sechs oder sieben Frauen, Mitte vierzig, verkleidet – offenbar einem Faschingsverein zugehörig –, betrunken, einfältig, laut! Sofort nehme ich mein Buch in die Hand. Die Frauen haben sich einige Reihen hinter mich gesetzt. Der Lärm ist augenblicklich unerträglich. Ich schaue einige Sekunden ins Buch, dann stöhne ich entnervt, verdrehe die Augen, schüttle den Kopf. Wieder blicke ich ins Buch, schaue auf, drehe mich nach den Frauen um – keine bemerkt, wie genervt ich von ihnen bin! Der Zug fährt schon in meinen sogenannten Heimatbahnhof ein. Ich stehe auf und gehe zur Zugtür. Dort bleibe ich stehen und schaue nach den Frauen, schüttle missbilligend den Kopf. Doch die Frauen kreischen und lachen hysterisch weiter. Was gibt es überhaupt zu lachen – in Zeiten wie diesen! Ich schüttle noch immer den Kopf, energisch erst, dann resignierend. Gott sei Dank kann ich hier aussteigen, denke ich mir und gehe den Bahnsteig entlang. Der Zug fährt weiter, ich drehe mich nach dem Fenster, sehe die Frauen, schüttle nochmals den Kopf. Ist es wirklich nicht möglich, auch nur einmal in Ruhe Zug zu fahren?

© asinus

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